wegrennen.
- loo

- Oct 25, 2023
- 8 min read
Updated: Sep 24, 2025
22-25/10/23.
als ich am sonntag (22.okt) nach albstadt-ebingen fuhr und dachte "man könne sich ja ruhig mal diese demonstrierenden anschauen" wusste ich nicht, dass ich zweieinhalb stunden dort bin, von nazis verfolgt werde und mit todesangst auf der subwaytoilette zusammenbreche.
auch nicht, dass ich die zwei tage danach die gesamte polizei vor ort frage, ob der rothaarige große mann vom anti-konflikt-team irgendwie da und auch ansprechbar ist,
weil ich angst habe. immernoch. pausenlos.
ich habe riesige angst.

neben meinem schulzentrum (berufskolleg, ausbildungsstelle, berufliche gymnasien etc.) steht eine kreissporthalle,
uns trennen der raucherbereich der schule und der lehrerInnenparkplatz.
jeden freitag quäle ich mich die ersten zwei schulstunden dorthin, mein zug kommt immer knapp 15min später am hbf an - die hälfte meiner klasse somit auch.
die letzten male war ich krank. die male davor zwar auch, aber ich habe mich nicht getraut gehabt, es der lehrkraft zu sagen.
jetzt tue ich es, ich bin krank.
in der zeitung hieß es letzte woche, dass die kreissporthalle vorzeitig geschlossen wird, der landrat bringt wohl rund 150 geflüchtete menschen dort unter.
ich war empört, total und wirklich unfassbar sauer.
ein kl. (wirklich klitzekleiner) teil aus meinem klassenverband auch.
ich war sauer, weil es inhuman ist und kaum zu glauben, dass wir soviele menschen in einer turnhalle unterbringen müssen. dass unsere einzige möglichkeit bestehen bleibt, all diese menschen in eine turnhalle zu stecken. in eine fucking turnhalle.
und wenn ich mir aber anhöre, warum andere so verärgert sind, dann weil "wirtschaftsflüchtlinge".
dann weil "gefahr für unsere jungen frauen". weil "diese menschen..",
weil
".. dürfen nicht hier sein".
am sonntag findet eine demonstration gegen die unterkunft statt. ein flyer ist überall wiederzufinden auf social media und per mundpost.
man hörts von afd, coronademos bis zu elternvertreterInnen.

ich plane hinzugehen, lade ein und nur eine person die zugesagt hat, kommt auch.
wir sind eine halbe stunde später da, laufen in richtung innenstadt und begegnen dem wanderenden zug.
wir mischen uns nicht unter "DAS VOLK", wir laufen an der seite entlang.
hin und wieder brüllt meine person linke parolen und ich mache mit, soweit mein körper es zulässt.
seitenstraße, wir stellen uns hin und warten. die polizei kommt zu uns, nimmt unsere personalien auf, demonstrierende brüllen uns an.
das erste, aber dann leider nicht letzte mal, nimmt die polizei bei einer demo meine personalien auf.
scheiße irgendwie.
wir werden in richtung marktplatz geschickt, dort treffen wir überraschenderweise und plötzlich auf 15 gegendemonstrantInnen, gemeinsam warten wir.
angegriffen werden wir bzw zuerst unser plakat von einem großen mann, dunkelolive jacke, afdflyer in der rechten brusttasche raushängend, er lächelt verschmitzt und nachdem er unser papiertranspi zerreißt, hat die polizei ihn kurz darauf in gewahrsam. ebenso leider auch nur kurz, er wagt sich noch ein paar mal in die nähe, aber mehr passiert nicht.
der zug geht an uns vorbei, es ist laut und anstrengend. ich kriege kaum noch luft, ich spüre meine beine nicht mehr und sehe nurnoch vor mir, wie er dort langsam herunterläuft und mich filmt. das passiert oft, es ist keine seltenheit.
sein freund hat es eine halbe stunde zuvor auch getan.
aber sie sind anders.

vorm rathaus stehen 800 menschen.
sie pfeifen, klatschen, buh-n und schreien laut.
die gegendemo verabschiedet sich, wir setzen uns noch ein wenig hin.
bemerkbar wird, wie die vorher filmenden männer jetzt oben an der straße stehen. sie warten auf uns.
immer wieder nähern sie sich vereinzelt an, wir weichen in die nahe umgebung der polizei. die demo löst sich vor dem rathaus auf.
spätestens jetzt können wir auch keinen anderen weg nehmen.
nach und nach begleitet die polizei uns die straße herunter, auch die jungs folgen.
inzwischen haben alle polizeiteams die drei jungs bemerken können, haben ein auge auf sie.
die typen spazieren durch die innenstadt und beobachten uns ebenso. filmen uns. fotografieren uns. winken mir.
der große rothaarige mann vom anti-konflikt-team und seine kollegin laufen mit uns in richtung des polizeireviers, ziehen ihre neonwesten aus und schmeißen sie in deren zwei autos.
die jungs kommen wieder vor und versuchen zu scheinen, als wäre es ganz normal und ohne intention, an einem fahrradständer hinter einem gläsernen treppenhaus zu stehen. ohne fahrrad.
der rothaarige polizist vom a-k-t bückt sich zu uns runter
"wir gehen jetzt dorthin und quatschen ein wenig mit den jungs. geht einfach so schnell ihr könnt zum bahnhof . wenn etwas ist, dann 110 rufen und wir sind da."
wir bedanken uns, laufen los. laufen immer schneller, rennen.
wir rennen über die straße, gebückt und nah zu den geparkten autos.
im subway frage ich nach einem bekannten, er ist nicht am arbeiten aber die mitarbeiterInnen wollen uns helfen.
wir erklären ihnen das problem, setzen uns aus eigenem wille gegenüber voneinander an ein fenster.
die jungs sehen wir erstmal nicht, von zwei männern werden wir aber sehr routiniert beobachtet.
40 minuten bis unser zug kommt, als es nurnoch 5 sind, gehen wir auf die subwayterrasse.
die typen stehen ganz weit hinten am steig, müssen in den letzten wagon.
wenn wir es schaffen, kommen wir unbemerkt in den ersten, so passiert es auch.
so semi jedenfalls, einer der männer taucht auf und blickt in alle fenster rein. er macht wieder bilder.
menschen im zug bieten ihre hilfe an, bemerken unsere angst und halten uns versteckt, sagen uns, wann der mann endlich weg ist.
im zug verhalten wir uns ruhig.
als unser ausstieg kommt, bemerkt uns ein weiterer mann, welcher uns auch vorher auf der demo beobachtet hat. wir rennen raus, verstecken uns.
er findet uns nicht, dann waren wir erstmal sicher.
meine freundin holt mich ab, wir gehen gemeinsam heim zu ihr. ich begegne demonstrierenden, die angst ist noch da.
am montag komme ich von der panik kaum zum atmen, gehe nach dem unterricht noch einmal zum polizeirevier. ich biete dem polizisten sehr oft meinen pass an, aus gewohnheit einfach.
irgendwann nimmt er ihn entgegen
"ich habe ihnen geglaubt mit den angaben über sie selbst". aber trotzdem, vielleicht misstraut er mir. das braucht er nicht, ich sage die wahrheit -
ich habe einfach nur angst.
wir reden lange, ich zittere und er kritzelt nebenher auf so einem tischblock herum.
ich weine.
er sagt mir, dass es vielleicht leichter wäre, wenn ich meinen aktivismus in zukunft nicht auslebe unter solchen menschen, denn sie können gefährlich werden und im schlimmsten fall kann mir nicht früh genug geholfen werden.
zudem sieht er meine angst, man will nicht zumuten, dass ich damit für immer leben muss.
ich nicke, gehe.
noch einmal laufe ich kurz in die nähe des rathausplatzes, aber der blick über die innenstadt trifft und ich laufe direkt zum bahnhof. im zug setze ich mich in den letzten wagon ganz hinten, nehme meine tüte zerbrochener salzstangen in die hand.
es ist dienstag, ich habe angst.
um 18:30 findet eine infoveranstaltung zu dem thema im foyer des gebäudes statt, indem ich alle meine naturwissenschaftenkurse und wahlfächer habe.
meine kleine tasche (geldbeutel, pass, desinfektionsmittel etc.) habe ich zuhause vergessen, nach meinem unterrichtsende um 16 uhr fahre ich geschwind dorthin, hole meine tasche und sitze dann wieder im nächsten zug zurück.
angekommen gegen 17:30, stehe ich beim bahnhof und rede mit einer lieben freundin, die auch zur veranstaltung geht.
wir verabschieden uns, ich gehe zum lidl und kaufe mir einen plastikboxsalat. sorry.
es ist 18 uhr als ich wieder in der nähe des schulzentrums bin, als ich einen anderen bekannten treffe.
wir laufen ein stück, einer der jungs vom sonntag sieht mich. er kommt in unsere richtung, verfolgt mich wieder. ich bemerke, wie er seinen kameraden von mir erzählt.
als ich zur tür meines gebäudes laufe, um an den spind meiner freundinnen zu gehen bemerke ich, wie ein mann (den ich relativ gut der polizei beschreiben konnte) einen gegenstand in seine jackentasche packt, den er unter seiner socke (mit panzertape ans bein geklebt) hervorzieht.
die tür ist verschlossen, ich laufe zurück zu bekannten. dann versuche ich nach vorne zu gehen, viele menschen sammeln sich vor dem eingang. ich werde weggeschickt, sie können mich nicht mehr reinlassen.
ich bin schülerin.
ich habe den schülerInnenausweis in meiner hand, ich hätte noch reingehen müssen.
ich stand draussen, alle meine leute, die mich heute beschützen sollen, sind drinne.
die wütenden menschen vor der tür kommen mir immer näher, sie berühren meinen arm und
ich spüre ihre kaltherzige wärme. ich kann nicht mehr.
ich tippe die polizistInnen neben mir an und zeige ihnen meine handynotiz "bitte ich bin schülerin ich kann hier nicht alleine stehen ich komme hier nicht mehr weg".
sie bückt sich zu mir.
"ich brauche hilfe" bekomme ich noch raus, dann legt sie ihre hand auf meinen rücken und geht mit mir hinter das gebäude. ich rede mit noch mehr kollegInnen, sie schenkt mir eine packung taschentücher.
ich erkläre es ihnen, frage nach dem rothaarigen großen mann.
sie können mich leider nicht mehr reinbringen, die türen sind verschlossen. sie können mich auf ein revier bringen, alleine wollen sie mich nicht lassen.
"kann nicht jemand deiner freundInnen rauskommen? wir müssen bald weiter und können dich dann nicht mit nach vorne nehmen."
nein, verlangen will ich es nicht, aber auch die frage danach wird generell abgelehnt. einer kommt vorbei, er kann nur ganz kurz und dass er überhaupt nachschauen konnte, war mehr, als irgendwer sonst dann gerade getan hatte.
die polizistInnen verweisen und beobachten mich auf dem weg zu einem platz, an dem ich relativ sicher sein werde. da sitze ich mindestens eine stunde, habe angst immer wenn die tür aufgeht. aber es ist besser. es ist ein bisschen ruhiger.
irgendwann werde ich abgeholt, ich verabschiede mich und treffe auf noch mehr bekannte.
ich treffe auf meinen alten lehrer, wir plaudern, im hintergrund steht einer der typen und beobachtet mich gemeinsam mit anderen demonstranten.
"es wird alles gut, keine sorge". mein ehemaliger techniklehrer steht rechts neben mir, ich nicke. er sieht ein bisschen besorgt aus, ich fühlte mich so.
am liebsten hätte ich einfach geweint.
am liebsten hätte ich diesen typen da vorne die fresse eingeschlagen.
am liebsten wäre ich in sicherheit gewesen,
am liebsten hätte ich jemanden gehabt, der die ganze zeit auf mich aufgepasst hätte.
darum habe ich gebeten.
und trotzdem wurde ich so alleine gelassen.
ich wurde an der tür abgewiesen, während drinne semi-beteiligte saßen.
ich wurde an der tür abgewiesen, obwohl ich den männern an der tür sagte, dass ich in gefahr bin.
ich wurde an der tür abgewiesen, obwohl sie wussten, dass ich alleine bin.
ich wurde abgewiesen, während ich weinte und kaum einen satz anständig rausbekam.
ich wurde abgewiesen, während mich die menschen dort beobachten und versuchten einzuschüchtern,
während ich 16 jahre alt war,
während ich schülerin dieser schule war,
während ich hätte eigentlich drinne sein müssen -
da wurde ich an der tür abgewiesen.
die frau, welche sich draußen die ganze zeit beschwerte - "sie seie eine frau, sie habe ein anrecht die veranstaltung mitzuerleben aus nächster nähe" - stand drinne. ich weiß nicht wie sie reinkam, sie stand mit mir vor dem eingang und wurde abgewiesen.
aber dann war sie drinne, später hält sie drinne einen undemokratischen und xenophoben redebeitrag.
ich stand draußen und die tür war verschlossen.
ein wütender mann versucht sie zu öffnen, indem er gewaltsam daran schüttelt und brüllt "die lautsprecher funktionieren nicht!". die lautsprecher dienen der übertragung des gesagten im inneren,
später haben sie wirklich nicht funktioniert.
zu dem zeitpunkt wollte der mann einfach nur, dass ihm jemand die tür öffnet.
"die boxen funktionieren, sie müssen aufhören zu brüllen, damit sie das gesagte verstehen" sagt der polizist vor mir.
aus dem raum holten mich später zwei freundInnen, wir müssen noch kurz wohin und da sitze ich jetzt und schreibe auf dem hässlichen blauen teppichboden diesen text.
noch später fährt mich einer heim, die autofahrt reden wir über diesen blog und glimpse of us von joji läuft.
auf meinem parkplatz lege ich meine sachen auf den boden und nehme ihn in den arm,
es fühlt sich schrecklich an, soviel angst zu haben.
das ist das erste mal, dass mich jemand deswegen einfach in den arm genommen hatte und nicht einfach abstempelte mit "mach dir keine sorgen" und "nichts wird passieren".
du hast ja auch drinnen sitzen können, so als verfickter semi-beteiligter.
du hast ja auch absagen können, als ich von den männern am sonntag schon verfolgt worden bin.
du hattest angst um deinen sitzplatz,
ich hatte angst um mein leben.
ich weiß nicht, wer das ließt.
ich weiß nicht, wie wichtig ihr in meinem leben seid - ob in meiner karriere, emotional oder wie auch sonst.
ich weiß nicht, was ich mir wünsche.
ich weiß nur, dass ich jetzt angst habe.
es ist mittwoch, ich habe angst.


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