
blaulicht und unversandte nachrichten an j.
- loo

- Sep 24, 2025
- 6 min read
Updated: Sep 25, 2025
die unversandte nachricht darüber, wie ich mit jemandem sympathieren möchte, welcher mir mit 15 jahren vermutlich in den magen hätte treten können.
ich glaube es wäre mir lieber, dich heute nicht direkt anzusprechen. ich scheitere dabei, dich zu sehen, also ist es nicht sonderlich angebracht. zudem antwortest du mir nicht, und ich muss mich fragen, ob mein ton zu feindselig war.
es fällt mir schwer zu meinen freund:innen ehrlich zu sein, es fällt mir schwer über dich zu reden. dabei würde ich gerne, obwohl ich eigentlich nichts sagen möchte. was weiß ich denn auch schon?
ich schreibe abermals den selben brief, und diesen niemals fertig.
dazu also:
der unangenehm, bedauerlichste anfang eines sogenannten "briefs" jemals
die welt verschwimmt.
zumindest wird mein blickfeld in blaue lichter gehüllt, jedes mal, wenn ich ihm begegnen werde.
ich "oh entschuldige", "verzeihung", "muss hier durch" und "bin presse" mich an den augen hunderter vorbei und in ein gestrüpp hinein, in welchem ein polizist mich am weiteren durchqueren aufhält.
okay, dann halt ein anderer weg. das ist in ordnung.
und auf der einst gegenüber liegenden seite treffe ich nun auf den schlechtesten blogleser, welchem ich jemals begegnen konnte.
er fragt, was ich gerade treibe, so als wäre das nicht lächerlich offensichtlich. in meiner hand ist eine kamera, wir stehen hunderten demonstrant:innen gegenüber, neben uns sitzen polizist:innen auf pferden, in eine staffel nebeneinander gereiht.
in allererster linie jedoch fragt er gar nicht einfach, sondern sagt
"Schön, Sie hier zu sehen."
"ehrlich gesagt, gar nicht so schön, sie hier zu sehen." versuche ich zu scherzen. ich erwische mich beim lügen, denn ich fühle mich jetzt sicherer. dabei kann mich niemand verletzen, nur er und die, welche gleich aussehen.
ich habe das schleichende, und belastende gefühl, dass der abend nicht so schrecklich brutal werden kann, wie die, welche nun in der vergangenheit liegen.
ich muss albern lächeln, denn in meinem leichtsinn habe ich meine werte wohl aufgegeben.
und so albern es ist, so sehr schäme ich mir vor meinen freund:innen, die wenige meter entfernt von uns deinesgleichen anschreien – und recht behalten.
"..und ihnen macht sowas auch ehrlich spaß?" seine antwort beinhaltet ein peinliches schmunzeln, und einen scherz über die zwei wundervollen kolleginnen, mit welchen er gerade schönerweise seine schicht verbringt.
ich nehms auf, gedanklich, so als wäre ich einer von denen, und nicht mehr einer von uns.
vielleicht schenke ich ihm zudem ein wenig glauben, was ich doch eigentlich nicht sollte.
es sollte ihm nicht spaß machen.
und in seinen augen würde ich gerne lesen, dass ich zurecht so empfinde.
aber irgendwann wird auch er sich wieder umdrehen.
ich nehme rund 700 bilder mit der kamera auf, und auf ein paar, mehr als mir lieb ist, habe ich sein gesicht abgelichtet.
ich überlege mir sie alle zu löschen.
zuhause schaue ich sie mir an, manchmal scrolle ich im karussel zurück, um sie noch einmal zu sehen.
unspektakulärer als es klingt, versuche ich zu reflektieren, warum da ein funken der vertrautheit und ehrlichkeit zwischen uns liegt, denn bedeutungslos ausgetauschte augenblicke machen es mir ein wenig leicht –
doch die uniform, waffe und aufschrift der weste nicht.
peinlich.
in der ferne verliere ich die gesichter meiner liebsten, denn die sonne geht unter, und sie verschwimmen in der ferne. meine sehkraft lässt nach, ich werde müde und zur krönung fotografiert meine kamera nicht gut bei diesem schlechten licht.
ich frage mich, ob meine freund:innen mich für einen verräter halten.
wie ein verräter fühle ich mich.
es ist zum kotzen.
denn schon die letzten male kamen meine freund:innen von der straße auf mich zu und warnten mich vor dem, was er ist.
dabei gibt seine uniform das ja schon her.
das sind keine neuen infos. sonst wäre es mir auch nicht so peinlich, dass ich ihn ein wenig leiden kann.
einen polizisten.
unfassbar.
ich kotze.
ich schiebe es auf jenes ereignis in albstadt, welches im nachhinein vielleicht gar nicht so drastisch war – aber in der tiefe meiner depression zu dem zeitpunkt fürchterlich.
irgendwie unecht rannte ich die straße herunter. begleitung war an meiner seite, aber ich verlor sie in meinem blickfeld. ich habe verinnerlicht alleine zu sein.
und alleine musste ich nur noch rennen, denn es war mittwoch und ich hatte angst.
ihn wiederzusehen zeugte davon, dass ich nach meinem wegrennen endlich irgendwo angekommen war. der mittwoch war vorbei, die angst und ich trennten uns endlich voneinander.
alle glauben zu begreifen, wie zustande kam, dass ich ihm das anrechne.
auch, weil ich das als notwehr in meinem zusammenhanglosen gerede nutze.
auch, weil ich jedesmal behaupte es gehe noch immer um mittwoch.
aber dem ist nicht so.
ich dachte, meine freund:innen, die straße und meine reflektion durchschauen mich leichter und
doch bleibt es verheimlicht.
es besteht mehr als nur diese eine erinnerung und aus reflex jage ich mir gift den oberarm hoch ins hirn.
als es jener freitag war, konnte ich nicht anders, als ihn wie absätze eines buches lesen zu wollen.
der versuch zu erkennen, ob er auch noch mehr ist, machte mir klar, dass ich aus meiner erfahrung heraus einen polizisten grundsätzlich entmenschlichen musste.
und wenn meine freund:innen das wie absätze eines buches lesen, dann werden sie nichts falsches daran sehen.
alle schreien, mir winkt jemand aus der menge, ein anderer demonstrant schlägt mit einem holzlöffel auf einen mitgebrachten kochtopf.
es ist so unnötig hier zu stehen.
es wird nichts mehr spannendes passieren.
ich könnte so gut heimfahren und meine zeit mit etwas anderem verbringen,
stattdessen spreche ich mit ihm.
nicht überragend viel und trotzdem erinnere ich mich kaum.
jede sekunde, in der ich seitdem bin, verliere ich gedanken und damit zeit an ihn.
er lässt mich nicht in ruhe.
eher noch lasse ich selbst nicht zu, in ruhe gelassen zu werden. ich empfinde mich als äußerst lästig.
ich frag mich gerade, ob es einzig mir in dieser stadt so schwerfällt, sich nicht beim anderen zu melden.
ehrlicherweise frage ich mich auch, ob er an diesem abend auf dem heimweg an unser gespräch denken musste. ob es ihn geplagt hat, so wie mich die scham.
ob er die ewig selben szenarien wie film in gedanken durchgespielt hat - wie er mir die hand reichte und sie später auf meine schulter legte zum abschied. wie ich mir habe eine sichere heimreise hab wünschen lassen, wie wir uns für ein weiteres aufeinandertreffen verabredet haben.
"lass uns doch nächstes mal einfach intensiver miteinander reden"
"sehr gerne".
im versuch zu verhindern, dass sich einer beim anderen melden könnte, verschob ich den konflikt.
mir ist das alles peinlich und geht gegen meine werte, deswegen muss ich alles veröffentlichen.
alle müssen davon wissen, und mir erzählen, dass ich mich schämen muss.
jemand muss bestätigen, warum ich mich so schrecklich fühle.
es war der 10.09.2025 um 22:35 uhr.
und ich bin in der stadt, in der ich mich um meine eigene achse drehe und panisch umschaue.
eine knapp angezogene frau ist gerade am tübinger bahnhof und ihr geht es sichtlich schlecht.
ich denke daran, jemanden anzurufen, aber um nicht unsere kollektive furcht zu füttern, steck ich mein handy wieder in die hintere linke hosentasche zurück.
stattdessen gebe ich dem zugführer bescheid und setze mich danach.
ich hoffe, es geht ihm gut, aber ich will es nicht wissen.
was, wenn ich drei nummern eintippe und einen fehler begehe? warum schützt sich diese community nicht untereinander?
es war der 23.09.2025 um 22:27 uhr.
und ich bin in der stadt, durch wessen straßen ich renne und dabei jede rote ampel missachte.
auf meinem weg zum bahnhof verliere ich mich in einer polizeikontrolle und halte mich fortan mit dem lauftempo zurück, in der angst, damit konfrontiert zu werden.
ich hoffe, es geht ihm gut, aber ich weiß es nicht.
ich kann gar nicht beschreiben, ob mich die angst prägt. wovor überhaupt? wie kann ich ihm das erklären, wenn wir einander wieder begegnen werden?
vielleicht ist es auch eine vertrautheit, die mich verunsichert.
jeder sieben-buchstaben-aufschrift rufe ich ein "acab" hinterher.
jeder blaumann bekommt einen abfälligen blick.
und ich kann niemals aufhören, daran zu denken, wie sie mir mit 15 jahren in die magengrube getreten haben, als ich schon am boden lag.
in jedem von ihnen spüre ich den selben schuh.
doch die hand, die er mir reicht, fühlt sich das erste mal nicht an, wie der schlag der polizisten auf hinterkopf, brust oder meine freund:innen.
ich sitze in der bahn, und weiß, ich hätte gerne noch ein wenig länger mit dir geredet, über dich und warum du bist, wer du bist.
ich merke:
du beißt dich in meinem gehirnlappen fest, und es ist mir so unangenehm.
nun habe ich jeden tag gewartet und überlegt wie lange ich es noch muss.
und ich versuche die realisation von mir zu streichen:
wärst du nicht mehr als du bist,
ja, dann würde ich vielleicht anders fühlen.
aber ich fühle nicht anders,
denn du bist nicht weniger.
in deiner uniform bist du eine gefahr,
denn du siehst aus wie der rest von ihnen.
auch wenn ich es gerne würde –
wie soll ich dir trauen?





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