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mein brief an balingen.

  • Writer: loo
    loo
  • Apr 1, 2024
  • 13 min read

eine stadt die ich so sehr liebe, dass sie mich dazu bringen konnte, mich selber weniger zu hassen.


blick vom neuen archiv auf balingens wasserturm, das waagenmuseum und klein venedig.


! das sind alles texte, die ich für die "balingen beyond" kunstausstellung in der städtischen zehntscheuer verfasst habe.

für den blog sind sie ein wenig überarbeitet, das konzept blieb aber immer gleich.


danke!



Teil 1; die Stadt die mich an dich erinnert.

liebe oma,

wir sind alle ein bisschen älter geworden und näher an den tagen, bei denen wir dich um alle welt immer dabei haben wollten.

ich wohne in einer neuen stadt, das habe ich damals auch schon und wir haben darüber viel gesprochen, glaube ich.

es ist immernoch eine neue stadt für mich, weil die menschen so neu sind und die straßen so unberührt. das sind sie alles natürlich nicht, aber es wirkt manchmal so.

meine alte heimat fühlt sich manchmal wie das alte haus an, zu dem ich zurückkehre nach meinem urlaub- dessen nächte ich in einem traumhaften air-bnb verbrachte.

du hast mir mal erzählt, wie schön balingen ist.

ich glaube im nachhinein gedacht zu haben, dass ich dich eingeladen habe mit mir hier mal her zu kommen. wir haben es nie gemacht. nie machen können, vielleicht ja, wenn ich mich bei dir früher wieder gemeldet hätte.

oh oma, ich hab dir nicht mehr angerufen gehabt die woche davor. du bist mit mir niemals nach balingen gekommen, ich konnte dir mein leben gar nicht mehr zeigen.

oder wie ich heiße, wie ich aussehe, wie ich fühle oder wie ich noch geworden bin.


oh oma, der himmel über dieser neuen stadt erinnert mich immernoch an dich.


little loo und besagte geliebte oma


Teil 2; Gudruns Strickstüble (und das Gefühl alles würde langsam verschwinden)

eine gewisse, ganz besondere art von aufkommender nostalgie überkommt mich, wenn ich durch diese stadt laufe. sie versetzt mich so intensiv in die zeitpunkte meiner jüngsten jahre, die mich nicht nur am existenzminimum kratzen ließen, nicht mehr hervorbrachten als gerade mal ein „wenigstens ist es momentan okay und nicht schlimmer“ und auch nur mit mühen minimal aushaltbar waren, sondern ernsthaft schön waren.

wie auch, weil ich nicht verstand was eigentlich um mich herum passierte, als ich die ersten male durch diese liebliche innenstadt lief und warm empfangen wurde vom wortwörtlich blendenden wetter.

meine mutter nahm von mir, auf einer steinpyramide stehend, ein paar bilder auf. wir liefen durch den „vögele“, welcher damals noch anstelle des kik im city center platz nahm und ich kletterte auf der hässlichen gelben holzfigur, die mein zukünftig dortiger chef wirklich auch nicht als so besonders hübsch empfand, vor der zehntscheuer herum.

neben all diesen erinnerungen jedoch, ist tief verborgen die erzählung über „gudruns strickstüble“, welches vielleicht auch weit nach meinem umzug 2014 erst eröffnete, für mich aber zu ähnlichen zeiten ruht.

in dem laden war ja nie so wirklich viel los, war schließlich auch nur ein strickladen.

aber er war so schön beleuchtet.

die großen fenster waren gefüllt und beim vorbeigehen wollte ich auch wirklich immer nur stehen bleiben.

ich blickte in die fenster, betrachtete die beachtlichen strickwerke, bewunderte die saubere arbeit und ging daraufhin weiter.


ich hab keine ahnung von strick oder wo gudrun ist, seitdem im letzten winter plötzlich alles erst ausgeräumt war und dann ein neues geschäft reinkam.

aber ich hoffe, dass es gudrun wohl ergeht und sie weiterhin noch schöne sachen strickt.


ich frisch hierhergezogen vor meinem zukünftigen arbeitsplatz (zehntscheuer)


Teil 3; Eisverkäufer Enzo und die Riesenwaffel. 

es muss in der fünften klasse gewesen sein, als wir allmählich jeden sommer- bis herbsttag von der schule aus runter in die stadt liefen, zum eisladen neben der stadtkirche.

als ich im juli 2014 hergezogen war, liefen meine mutter und ich, wie die entdeckerinnen die ich in uns sah, durch die innenstadt und ich konnte die riesenwaffel aus kunststoff kaum begreifen, so beeindruckend wirkte sie auf mich. es war nicht die erste riesenwaffel, aber irgendwie glaubte ich damals, dass alles was beeindruckend war nur aus dem schwarzwald, der heimat, stammte und auch nur dort platz finden konnte.

im venedig nahmen meine freundinnen immer kombinationen mit cookies-geschmack, während ich fruchteis präferiert habe.

der eisladen ist klein. wir saßen oft draussen, auch bei sehr kaltem wetter in winterjacken mit glitzerndem kunstfell an der kapuze.

draußen und drinnen nahmen wir immer die selben tische. melina und ich setzen uns gemeinsam gegenüber von hana, die unsere kamerafrau war.

wir gaben ihr eines unserer telefone und sie nahm uns auf, während wir über alles und nichts miteinander quatschten, als hätten wir einen ernsthaften und seriösen videopodcast aufgenommen.

enzo war auch immer da. wir brachten ihm aus unserem schulcafé crepés mit und redeten gerne mit ihm lange und ausgiebig.

er erzählte uns von seiner freundin, von stuttgart und seiner hochzeit, zu der er uns natürlich einladen würde.

wie stuttgart damit zusammenhängte wusste ich nicht, bis ich nach dem winter zurückgekommen war und nach ihm fragte.

enzo war nicht mehr im venedig, er ist nach stuttgart gegangen und wir waren nur in gedanken bei seiner hochzeit dabei.


herzlichen glückwunsch zu deiner trauung, enzo der eisverkäufer.


unterstufler (ich) beobachtet wie freundin (melina) tauben fangen will


Teil 4; der Wein, den wir am Tannenbaum trinken wollten.

"kargo", so hab ich dich eingespeichert.

es setzt sich zusammen aus fünf buchstaben deines usernames. mit dem username hab ich dich damals kennengelernt. oh kargo.

wir haben uns ein einziges mal gesehen und dann aber irgendwie nicht über den tannenbaum gesprochen.

ich habe dir immer angerufen und geschrieben, wenn der tannenbaum in balingen stand und wieder in aller pracht geleutet hat. ich habe immer davon geträumt, wie es denn wäre, wenn wir zusammen am tannenbaum wären.

vielleicht nicht so lange, wie ich immer dort auf dem abgedeckten stadtbrunnen saß und auf deine textantwort gewartet habe.

ich hab mir beim malen die finger abgefroren, hin und wieder kamen menschen vorbei und erwähnten das, es seie schon so kalt und ich müsse bestimmt dolle frieren.

ich habe dolle gefroren, als ich da auf dich gewartet habe.


einmal schriebst du zurück, wir würden im nächsten jahr zusammen beim tannenbaum sitzen und süddeutschen rotwein trinken. ich wollte deinen wein nie, ich wollte deine kalte hand halten und hoffen, dass wir uns aneinander aufwärmen können, obwohl wir beide immer kalte hände hatten.

als ich dich im frühling in der hauptstadt sah, war deine hand nicht mehr kalt, obwohl es meine noch immer war.

als deine hand aufgetaut war, merkte ich, dass auch nur einer von uns beiden das war.

kargo, die lichter haben uns verlassen, wie der winter es hat.

 

kargo, du bist weg, so wie der tannenbaum auch.


der balinger weihnachtsbaum ist jedes jahr mein highlight


Teil 5; Danke Mama, für das weiße Kleid.

an einem tag trug ich ein schönes weißes kleid.

meine mutter kam damit in der hand in das zimmer, welches wir zuzweit bewohnten und schaute mich ganz gespannt an. es war das schönste weiße kleid, welches ich je hätte tragen dürfen.

wir kamen frisch aus dem schwarzwald, nur mama und ich.

wir bewohnten ein einziges zimmer zusammen, es gab rechts von der tür ein hochbett und links ein einziges, auf welchem meine mutter immer schlief.

ich erinnere mich nurnoch mit bildern an den ort. das licht war gelb und erfüllte kaum zweck, die möbel ähnelten der innenausstattung einer norddeutschen jugendherberge.

mama stand im raum, sie hielt einen kleiderbügel in der hand und darauf hing ein schönes weißes kleid mit einem kleinen schwarzen jäckchen.

ich hoffe, dass ich mich darüber ausgiebig gefreut habe.


mama und ich streiten oft, mal mehr und mal weniger.

und weil ich so bin, melde ich mich dann weniger bei ihr. das tut mir nach wenigen stunden auch sehr leid, aber ich entschuldige mich immer erst nach ein paar tagen. sie nimmt mir das nicht übel, ausser sie weint wegen ganz anderen dingen – dann nimmt sie es mir übel.

mama und ich haben uns oft nicht fair behandelt, wir haben lange so getan, als müssen wir uns, wegen der verpflichtung und ehre, lieben und wertschätzen.

jetzt bin ich 17, mama ist zuhause und ich bin es nicht. jetzt liebe und wertschätze ich sie, auch wenn wir uns streiten, wenn ich mich nicht melden kann, wenn sie es mir übel nehmen will oder sie gerade fort ist.


mama, ich liebe dich, weil du meine beschützerin bist.

mama, danke für das weisse kleid.


das kleid und mutter :)


Teil 6; Kalte Wände, kalter Boden.

zu jedem schönen schlaf kommt ein albtraum mehr dazu.

mein albtraum war der teil in dieser stadt, über den ich nie aus scham geredet habe, so wie ihr auch nicht. aus "schwierigen verhältnissen" zu kommen klingt eher so, als hätte ich gerade eine problematische beziehung überstanden oder als wäre ich in meiner ganz persönlichen wirtschaftskrise mit china.

das war nicht ganz so. wir konnten nicht heizen, nicht in den urlaub gehen. wir konnten unsere elektronik nicht einfach reparieren lassen oder konnten auch nur daran denken, aus dieser gegend zu ziehen, welche für mich nur zu überstehen war, indem ich meine fensterläden von jahresanfang- bis ende geschlossen hielt und wenn ich auch noch alleine war, nicht die lichter abends anmachte.


wir wohnten direkt über dem keller, die vermeintlich heizenden ölöfen tuckerten laut und machten trotzdessen nicht warm, was hätte warm werden müssen in jedem tiefen winter.

meine fenster waren undicht und so hörte ich den wind pfeifen, wenn ich meine kopfhörer nicht an hatte.

es war in den wintern so kalt, dass ich wasserkocher und toaster in mein zimmer stellte und mich manchmal für tage so ernährt habe. meiner mutter habe ich gesagt, dass alles so gut wäre in der wohnung, dass sie sich keine sorgen machen müsse und gerne noch bei ihrer guten freundin bleiben kann um ihre sachen dort zu erledigen. was genau sie dort machte, fragte ich immer nach und hörte ihr am telefon zu. dann kochte ich manchmal sogar. bis der strom irgendwann aus ging.


als kind in armut ist es, wer glaubt sowas überhaupt, nicht unbedingt einfach.

einerseits ist es selbstverständlich dieses einigermaßen klischeehafte verzichten auf marken oder kinobesuche.

andererseits ist der psychische druck doch weitaus schlimmer als filme illegal streamen zu müssen und nicht auf kindergeburtstage zu gehen, weil man sich ja kein geschenk leisten konnte. stets ist man isoliert, stehts gilt man als "das kind, welches im pennerviertel wohnt" und stets muss man mit aller anstrengung dieses ungerechte system kritisieren, damit bloß niemand mehr auf die idee kommt, uns oder andere arme familien an den pranger zu stellen, so als wären WIR an dieser unglaublichen misere schuld.

man ist und muss immer und jederzeit dankbar sein, denn alle müssen wissen, dass die mühen der anderen menschen welten wert sind und ihre selbstverständlichkeiten meine privilegien sein müssen.

du musst dich immer daran freuen, dass es anderen sehr viel besser geht, aber sie es "natürlich" mit dir teilen, weil sie ihre eigenen helden sein wollen,

dabei nervt dieses heldentum unfassbar sehr und bringt niemanden in seinen notlagen weiter.

für mich galt früh-

ich brauche keinen helden mehr, ich muss nur überleben.

überleben.

als ich mit neun jahren das erste möchtegern-testament auf karrierten blockblatt verfasste stand darin verfasst, dass alles was ich hatte an meine mutter und ihre familie in thailand gegeben werden soll.


sie war nicht immer richtig zu mir, aber nur mama war da, wenn ich im winter frierend im bett lag. „irgendwann, wenn du groß bist, dann hast du studiert und einen guten job. dann kaufst du uns häuser, autos und hast ein schönes leben. dann müssen wir nicht mehr diese kalten wände anstarren um irgendwann einzuschlafen.“


die gruseligen straßen dieser stadt


Teil 7; Franky.

franky war riesig und hatte eine glatze, mit haaren habe ich ihn auch auf bildern nie gesehen. keine ahnung wie alt er überhaupt war, aber die glatze war immer da.


ich hatte so angst vor ihm, als ich ihn das erste mal vor der tür sah. er saß mit seinen freunden da und sprach mit mir, vielleicht hat er mich gefragt ob alles okay ist oder wie mein name ist,

ich habe nur am holzgeländer rumgeklettert und fragte meine mutter auf thailändisch nur wer er ist.

das ist franky, unser nachbar.

 

ich bin mit ihm manchmal zur schule gelaufen, er zum bahnhof, und er erzählte von seiner arbeit viel, weil ich ihn jedes mal aufs neue dazu befragen musste. kapitalismuskritik kannte ich noch nicht, also dachte ich immer „warum machst du denn nicht, was du eigentlich willst? hör doch auf dort zu arbeiten“. er nahm mein leichtes denken mir nie übel. ich hab ihm oft ewig viel geschrieben und er hat immer geantwortet. einmal spielten wir bis spätabends, an einem kalten und einsamen wintertag im unteren geschoss, smash bros bei ihm oben. seine partnerin war damals auch da und wir haben uns viel über queere struggles ausgetauscht. es hat immer nach gras gerochen, überall waren hundehaare, seine wände waren grün und beschmückt mit toten insekten in bilderrahmen oder pflanzen.


irgendwann kam es zu problemen, vielen unterschiedlichen problemen und ich nahm abstand. wenn er klopfte, nach salz fragte oder mich fragte, wie es mir geht, lehnte ich irgendwie ab und ging weiter.

irgendwann ging er weiter, zog einfach um. sein briefkasten wird immernoch voller, er ist immernoch weg.

ich weiß nicht, wo er jetzt ist. einmal habe ich bei einem alten freund von ihm nachgefragt.

„keine ahnung wo franky ist.. irgendwo weg nach stuttgart oder ulm..“ und dann übergab sich dieser alte freund am gartenschautor. ja. schönen abend noch.

 

ich ging in den keller, sah da seine letzte nachricht. wir haben das immer gemacht, mich dort im kellertürrahmen markiert. ich bin wieder größer geworden


und die markierung fehlt mir. 


so groß ist elena geworden.


Teil 8, der Regen trifft auf Pflasterstein.

„wir gehen eis essen“ das hat meine mutter damals zu mir gesagt. ich bin selbstverständlich in das auto eingestiegen, warum auch nicht, es war wohl ein warmer donnerstagnachmittag im sommer.

an dem kommenden wochenende hätte ich, als die stolze erstklässlerin die ich dann war, eine aufführung an meiner grundschule gehabt, bei der ich die hauptrolle, die der maus frederik, gespielt hätte.

 

während der autofahrt war ich eingeschlafen und wachte bei starkregen woanders auf. es ist zeit vergangen, zuviel für ein eis. zudem war es so nass draussen, dass es ohnehin kein gutes wetter dafür gewesen wäre.

ein anruf wurde getätigt, eine frau kam und ich stieg aus dem auto aus und meine mutter mit mir.

unsere sachen waren wohl im kofferraum, ich hab irgendwas in die hände gedrückt bekommen und stand damit im regen, mein blick gebannt auf den pflasterstein, auf dem ich wie festgewachsen stand.

es hat so unglaublich viel geregnet, die pfützen am boden wurden größer und brauchten nun deutlich länger, um in der wenigen erde zu versickern.

wir liefen irgendwohin, dort herein und dann die treppe hoch, durch die tür und dann nach rechts in den gang.

küche, irgendwann unser zimmer. da waren wir nun, nur meine mutter und ich.

am nächsten morgen wachte ich dort in einem hochbett auf, meine mutter war gerade wohl nicht im zimmer.

so viele fragen haben mich überfordert, ich wusste nicht, wieso ich hier war und wo das eis war, wo mein vater war.


wir gingen in die innenstadt, von unterricht blieb ich an dem tag noch fern.

dort sah ich die riesige eiswaffel, dort kriegte ich vielleicht sogar endlich mein eis.

irgendwann gingen wir wieder zurück und blieben. blieben, bis wieder umzogen und nochmal umzogen.

heim war nun dort und nicht mehr wo ich mehr als ein stockwerk hochlaufen musste, meine küche nur mit meiner familie teilte, mein beinahe eigenes zimmer hatte, ein fenster mit blick auf eine große tanne, dort wo meine freundinnen mia, annabelle und noemi waren.

 

nie frederik die maus zu spielen beschäftigt mich sehr, noch bis heute schmerzt es mir ein klein wenig.

trotzdem, ein theaterspiel hätte mich niemals aus einem kreis voll geworfener gläser oder vorm-kindergarten-stehen-und-auf-den-vater-warten gerettet.

das frauenhaus im zollernalbkreis, das hat es.

mich und meine mutter.

die arbeit dieser menschen ist so essentiell, die arbeit dieser menschen begleitet frauen und ihre kinder bis zum ende.

die arbeit dieser menschen bietet frauen und ihren kindern schutz, vor gewaltvollen patriarchalen ketten.

bitte zeigt diesen menschen mehr dankbarkeit für ihre arbeit, sie haben nicht nur mich gerettet.

sie tun es immer und immer wieder.


das bett meiner mutter, damals im frauenhaus.


Teil 9, karten auf dem tisch

als ich sie kennengelernt habe, muss ich wohl in der ditten klasse gewesen sein.

ich saß in einem besprechungsraum der grundschule endingen.

ein sehr freundlicher mann vom jugendamt, von dem meine schwester oft in hohen tönen gesprochen hat, saß mit meiner mutter und mir dort drinne am tisch.

ich glaube, dass mein rektor und auch meine lehrerin dort waren.

 

lisa war da auch.

 

lisa habe ich manchmal zweimal die woche gesehen, mittwochs und freitag, wir haben dann dieses dümmliche (es hat mir unfassbar viel spaß gemacht) sandspiel mit den figuren gespielt oder miteinander gekocht.

vor lisa habe ich mich das erste mal geouted und habe mich ihr anvertraut, als ich mich das erste mal selbstverletzt habe.

lisa war eine "ise", so hieß es jedenfalls mal.

sozialpädagogische einzelbetreuung, so hab ich es immer nennen können.

sie hat mich ein paar jahre begleitet und das war mir alles sehr wichtig.

 

wir hatten viele insider, einer davon bestand daraus, dass ich jedesmal den selben "sind sie schwanger?" informationsflyer nahm und auf ihren tisch gelegt habe.

einmal, es muss mittwoch gewesen sein, ging ich zu ihr in das große büro, in dem auch alle anderen gearbeitet haben. alle waren immer sehr freundlich zu mir, mit einem rede ich immernoch stundenlang, wenn ich ihn mal in dieser stadt sehe.

ich habe mich auf den platz gesetzt, auf dem ich eigentlich immer saß, und wartete auf sie.

dann kam sie zurück, die karte legte sie auf meinen tisch.

 

"ich bin gar nicht schwanger" lachte ich.

"ich aber"

oh.

 

das war kurz vor meinem geburtstag,

da habe ich sie verabschiedet und das letzte mal gesehen.

an lisa denke ich oft, sie war ja auch sonst oft da.

ich vermisse lisa.

 

ich hoffe es geht dir und deinem kind gut.

ich wünschte du könntest sehen, dass ich erwachsen geworden bin.


"revolte" ausstellung mit lisa


Teil 10; 10.07.2014

als ich vor zehn jahren hierher gezogen war, war ich sieben jahre alt.

ich beendete die erste klasse bei frau schäfer und fing die zweite auch bei ihr an, bis ich von der sichelschule auf die grundschule nach endingen wechselte, weil ich dorthin für eine kurze zeit umgezogen war.

 

dann kam ich wieder zurück und absolvierte meine mittlere reife während des hundertjährigen jubiläum der sichelschule. besonders dort habe ich mich überall beteiligt, seitdem wieder zurück dort war. schülerInnenvertretung, arbeitsgruppen und informationsstunden an anderen schulen über die, an der ich eben zu dem zeitpunkt gelehrt wurde.

als ich krank war bei der schülersprecherInnenwahl und somit direkt verloren habe, schwänzte ich den unterricht, fuhr über nacht in die hauptstadt und nahm teil an der vergesellschaftungskonferenz in berlin-mitte. es war kein abhauen, es war loslassen

 

zehn jahre vergehen diesen sommer, ich erinnere mich an jedes einzelne, welches in dieser stadt wurzeln geschlagen hat.

zehn jahre sind vergangen, ich war in krankenhäusern und auf bühnen vor hunderten menschen, welche mir zuhörten und applaudierten. ich habe zwischen waagenmuseum und zehntscheuer auf einem baugerüst meinen ersten kuss gehabt, bin monate später hier in den zug gestiegen, fuhr zu genau diesem menschen heim und sagte ihm ganz direkt, dass es eine der schlimmsten entscheidungen meines lebens gewesen sein könnte.


ich bin in dieser stadt die meisten schritte meines lebens gelaufen, habe bücher ausgeliehen und nie gelesen, ich habe im städtischen museum gearbeitet und habe sicherlich auch leserInnen von diesen briefen am dortigen tresen unten begrüßen dürfen.


als ich vor gut zehn jahren in ein auto stieg, bei der fahrt einschlief und abends hier aufwachte, wusste ich nicht im geringsten, dass ich mich in diese stadt verlieben könnte.

damals zog ich her, weinte nächtelang, weil ich den belchenweg 2. vermisst habe und vielleicht auch die vorgespielte illusion eine funktionierende familie dort haben zu können.

immer wenn ich wegfahre, ob nach berlin oder  dann halt „zurück“ in den schwarzwald nach sankt georgen,

dann kann ich nun ebenso nächtelang weinen, weil ich balingen vermisse.

ich vermisse balingen, als wäre diese stadt ein alter guter freund.

 

ich brauche keine postkarte, keinen kühlschrankmagneten oder eine zeichnung um mich zu erinnern.

mein herz erinnert mich an diese stadt.


balingen, das war mein letzter brief an dich. 


"you take the man out of the city,

not the city out the man." 

 
 
 

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