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mit den augen eines rehs

  • Writer: loo
    loo
  • Oct 31, 2025
  • 4 min read

Updated: Apr 15


sah sie mich an, und ihre angst schien meinem herzen so vertraut.

zwei liebe braune augen sahen mich an. sie war etwas größer als ich, und wirkte doch deutlich kleiner.


diese nacht.
diese nacht.

in dieser nacht, am gleis des bahnhofs, an welchem sie und ich uns nun gegenüber standen, war es einsam und spät.

ich war auf einer langen reise nach magdeburg zu einem jugendverbandsseminar, sie befand sich auf dem weg in ein neues kapitel ihres leben.

wir beide fuhren weit und fern von zuhause,

und ich merkte schnell: wir hatten hier nur einander.


ich sitze gerade in heidelberg an einem bahnsteig, nur minuten zuvor sah ich im bahnhofsfoyer einen mann sein eigenes erbrochenes essen.

von diesem vorfall zu erholen, ging ich an mein gleis und suchte eine sitzgelegenheit auf. ich setze mein gepäck ab und mich auf die linke hälfte der bank.

es war knapp ein uhr in der früh und die kühlste juninacht, welche das jahr 2023 zu bieten hatte.


eine junge frau läuft schritte in meine richtung und nimmt dann rechts von mir platz.

ich blicke zu ihr rüber, ihr linker arm hing der starre ihres körpers hinunter und wurde aufgefangen von der urtypischen kaltmetall-überzogenen gitter-sitzbank der deutschen bahn ag.

an eben jenem linken arm, welcher für die aktuellen klimatischen umstände untypisch unbedeckt war, war ein bandana umgebunden.

es brauchte ein wenig,

vielleicht eine halbe ewigkeit sogar,

bis ich meine nachricht in meinen handynotizen fertiggetippt hatte.

knapp bevor unser zug einfuhr, lief ich zu ihr rüber und drehte meinen bildschirm zu ihr.

über ihr gesicht lief ein wind, und ihre bläulichen weichen lippen formten ein lächeln, welches durch ihr kopfschütteln wiederum verschwamm.


"danke."


und nichts weiter als das. sie blickte wieder auf das gleisbett, geduldig auf ihr ticket aus dieser stadt wartend. damit fasste mich der moment, sie mit einem nicken zu verabschieden und den bereich zu suchen, vor welchem mein abteil vorraussichtlich halten würde.


ich steige ein. nach drei durchlaufenen wägen und schuhsohlen stand ich in einem deutlich zu engen zwischenraum der bahn – und da war sie wieder.


neben ihr stand ein älterer herr, auf seinem linken unterarm entzifferte ich "bad" und darunter die daten ”30.09.1944 - ..... 2014" tattoowiert. er war größer als wir beide und trug einen entspannten blick.


auch ihren sah ich, welcher sich tief in meine beiden augen brannte. sie zeigte neben sich auf den boden, auch schob sie ihre tasche weg um platz zu schaffen, und ich nahm ihr angebot wahr, indem ich mich zu ihr stellte.

mit dem mann, welcher offensichtlich ähnliche probleme wie ich mit dem selben abteil hatte, unterhielt ich mich kurz.

auch er hatte einen platz reserviert,

auch ihm wurde ein fehlender wagen in der db-app nicht angezeigt.

wir verfallen in stille, während die bahn auf den schienen kreischt.


und dann werde ich von ihr angetippt.

"wegen deiner nachricht vorher-" sagt sie, zieht ihr bandana vom arm und präsentiert mir eine lange stichwunde, welche ich betrachte, als würde die verletzung gleich im eins zu eins zu mir sprechen "-das war mein expartner."

"menschen können so lieb sein." fuhr sie fort und zeigte mir wieder ihr bahnsteigslächeln.


oh.


während wir noch im zwischenraum mit dem mann stehen, erkundige ich mich nach hilfeersuchen ihrerseits, doch sie erzählt einfach von ihrer reise, so als hätte sie lange schon jemandem davon erzählen wollen. durch die luftlöcher des abteils zischt der wind laut, das aufeinandertreffen von schienen und zug erzeugt ein widerliches pfeifen und dieses peitscht mir andauernd um die ohren.

sie reist weit weg von dem, welcher die ursache für die verletzung an ihrem arm ist. ihr ziel soll bremen sein,

ich weiß heute, so wie damals schon, nicht weshalb.

wir sprechen miteinander viel und dann mit einer bahnbegleitung kurz, welche uns zu einem schlafabteil führt, in welchem dankenswerterweise noch zwei plätze unbelegt sind.

wir setzen uns, denn es ist spät und wir beide erschöpft. der mann aus dem zwischenabteil wurde in die andere richtung zu einem freien platz begleitet. in das abteil setzen wir uns rein und dann gegenüber voneinander.

wir schweigen, denn auch flüstern wäre fortan zu laut.

sie wird müde und lehnt sich in ihren sitz zurück, woraufhin ich es ihr gleich mache.


zehn minuten vor hannover wache ich auf, sie hat ihre augen noch geschlossen.

eine ihrer hände umklammert ihr handy, die andere ist auf ihrem schoß abgelegt.

ich suche meine jacke und meine mütze, wie auch meine brille und meinen geldbeutel, zusammen und greife in meinen rucksack.


"KOMM GUT IN BREMEN AN! - LOO (der/die aus dem zug :))"

schreibe ich auf ein abgerissenes stück papier, welches ich aus meiner tasche ziehe.

dann lege ich ihr ein gänseblümchen aus meinem notizbuch in den nun gefaltenen zettel und ende meine botschaft

"manche menschen sind gut, dein ex war es nicht. tut mir wirklich leid.".


wir halten in magdeburg und wie die meisten wacht auch sie kurz auf, und die gäste in unmittelbarer nähe der tür ziehen ihre beine für mich weg.


den zettel drücke ich ihr in die hand und winke ihr zum abschied.

"viel spass in magdeburg, loo!" hab ich sie noch sagen hören.


ich weiß nicht einmal ihren namen.


magdeburg.
magdeburg.

was in dieser nacht geschah blieb grundsätzlich kein einzelfall.

noch weitere tragische male saß ich in der bahn mit frauen, welche ängstlich waren, weinten, mir von plagender trauer erzählten.

und wenn ich ihre namen schon nicht ehren kann, dann vielleicht ihre geschichten.


was mit der reh-augen-frau passierte, weiß ich offensichtlich nicht. einzig weiß sie meinen namen und dass ich aus irgendeinem grund um jene späte uhrzeit auf dem weg nach ostdeutschland war. ich weiß, dass ihr fortgehen, ihre flucht von ihrem alten leben, sie so unheimlich brach, dass sie einer fremden vom heidelberger bahnhof davon erzählte. und nicht nur das, sie war verletzlich und ihr herz war mir nah, als würde sie mir trauen wollen. eingehüllt in ein kleid mit kurzen ärmeln und einer sommerlichen jacke, ein stück lila stoff an ihrem arm, stand sie vor mir. und als ich meinen blick zu ihr wandte, schaute sie mich bereits an mit den augen eines rehs.

 
 
 

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